Sorge: Teures Öl erstickt das Aufflammen der Konjunktur
Artikel OÖN vom 29.05.2009
Der Rohölpreis hat sich binnen fünf Monaten beinahe verdoppelt. Die Kurskurve spiegelt die Spekulantensicht wider: In der Weltwirtschaft beginnt neues Feuer zu lodern. Doch teures Öl könnte die Flammen rasch ersticken.
Am Heiligen Abend 2008 war die westliche Welt wieder in Ordnung: Nach dem historischen Hoch von 141 Dollar im Juli fiel der Preis von Rohöl auf 33,36 Dollar. Doch die Spekulanten sind zurück: Sie setzen auf Aufschwung. Diese Woche durchstieß der Preis wieder die 60-Dollar-Marke. Auf dem Ölmarkt sieht es tatsächlich anders aus: „Noch immer liegt die Ölproduktion über dem täglichen Verbrauch, und die Lager werden immer voller“, sagt Johannes Benigni, Chef des internationalen Energieberaters JBC in Wien. Der Überschuss betrage einen Million Barrel (159 Liter) pro Tag. Dabei hatte die OPEC, die Organisation erdölexportierender Länder, ihre Förderung wegen des Preisverfalls seit September um 4,2 Millionen auf 25 Millionen Barrel pro Tag gesenkt. Gestern beschloss sie in Wien vorerst bei diesem Niveau zu bleiben. Neben den Konjunkturhoffnungen beflügeln jüngste Prognosen der Internationalen Energieagentur (IEA) die Notierungen: Danach steuere die Welt in eine dramatische Versorgungslücke.
Gefährliche Versorgungslücke
Wegen des Preisverfalls haben die Ölkonzerne heuer ihre Investitionen in neue Vorkommen um 21 Prozent gedrosselt. Gleichzeitig sinke die Ausbeute der bislang ergiebigsten Ölquellen der Welt pro Jahr um rund fünf Prozent. Das bedeute bis 2015 ein Minus von 19 Millionen Fass pro Tag – ein Viertel des Weltverbrauchs, das Vierfache der aktuellen Förderung Saudi-Arabiens. Es hätte längst damit begonnen werden müssen, Ersatz zu entwickeln. Das sei in der verbleibenden Zeit nicht mehr zu bewältigen, sagt die IEA. Parallel steige der Verbrauch wegen der Bevölkerungsentwicklung und der Motorisierung in der Dritten Welt. Wirtschaftsforscher halten heuer einen Rohölpreis von 70 bis 80 Dollar für denkbar – und konjunkturgefährdend. Der saudische Ölminister Ali al-Naimi sagte allerdings in Wien: 75 bis 80 Dollar seien für die Weltwirtschaft „verkraftbar“.

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